Archiv für die Kategorie „Netzwelt“

Twitter als literarisches Genre

Freitag, 26. Juni 2009

Was lässt sich mit 140 Zeichen erzählen? Neben dem Gebrauch von Twitter als Mitteilungsdienst alltäglicher Nichtigkeiten und Werbeplattform, wird der Microbloggingdienst auch vom sog. seriösen Journalismus genutzt. Besonders hoch ist der Nutzen von Twitter einzuschätzen, wenn die herkömmlichen Kommunikationsmedien entweder versagen oder gesperrt sind. Außerdem bietet der Dienst eine wichtige Ergänzung zur Mainstreamberichterstattung, da hier Informationen von Augenzeugen unmittelbar und ungefiltert zugänglich gemacht werden können (siehe Iran). Doch eignet sich Twitter auch als literarisches Genre? Und welche Veränderung bringt der Einsatz des Mediums für den Autor mit sich? Seit einiger Zeit bin ich auf der Suche nach literarischen Werken, die auf Twitter veröffentlicht werden. Durch die Beschränkung auf 140 Zeichen ist es naheliegend, das die klassisch kurzen Gattungen und Formen, wie Lyrik oder Aphorismen, in Tweets übersetzt werden. Der erste Lyrikwettbewerb mittels Twitter von literaturcafe.de und bod.de ist hierzulande schon erfolgreich gelaufen. Die Gewinnerin:

Twitterlyrik_1

Ein weiterer läuft noch bis zum 31. Juli. Thema hier ist die Arbeitswelt. Unter #litw #lda können so viele Beiträge eingereicht werden, wie man zu schreiben fähig ist. Mehr dazu auf dem Literaturblog Der Duft des Doppelpunktes.

Hier wirkt sich das Medium auch noch nicht auf die Konditionen des literarischen Schaffens aus. Bei einem epischen Konzept verhält es sich dem entgegen schon ganz anders. Die klassische Schreibweise und Stoffentwicklung eines Romans kann nicht auf Twitter übertragen werden, da jeder Tweet eine abgeschlossene Form in sich darstellt; will heißen, ein im weiteren Kontext des Romans sinnhafter Satz schwebte aus jenem herausgerissen als Tweet recht sinnfrei in der Leere. Auch kann es nicht daran gelegen sein, hunderte von Tweets pro Tag zu schalten, und die Listen der Folgenden damit vollkommen zu überfrachten. Ein Twitterroman muss also zum einen aus sinnhaft in sich abgeschlossenen Sätzen mit hohem Informationsgehalt bestehen und zum anderen trotzdem Anschlußstellen in beide Richtungen, zwecks Quereinstieg, bieten. So darf mit Fug und Recht behauptet werden, dass der epische Tweet durchaus als anspruchsvolle Form Geltung erlangt, dem sich Laien nicht ohne Weiteres zuwenden können. Anders besehen bietet Twitter aber eine Unzahl an neuen Möglichkeiten für das literarische Schaffen. Dem Autor stehen zwar nur 140 Zeichen zur Verfügung, doch kann er mit Links arbeiten, so dass sich hier ein ganzer Kosmos an Querverbindungen etablieren lässt. Bilder, Videos, Podcasts oder eigens für die Geschichte angefertigte Spielereien lassen sich per Short-URL ganz einfach in die Geschichte einbauen und befreit selbige aus der Einengung reiner Schriftlichkeit: Die Geburt des intermediären Werkes.

Zwei Romanprojekte sind mir in vergangener Zeit aufgefallen. Zum einen das Projekt von Mathew Richtel, einem amerikanischen Autor, der für die New York Times tätig ist und eine Geschichte aus der Perpektive einer Prostituierten schreibt. Zum anderen versucht sich zur Zeit der Wiener Comicautor Harald Havas an einer Art Fantasy-Twitter-Roman. Das intermediäre Konzept konnte ich zwar bei keinem der beiden Autoren bis dato ausmachen. Doch lohnt sich der Nachvollzug allemal, da diese die Produktionskonditionen verstanden haben und mit zwei oder drei täglichen Tweets eine sinnvolle, quereinsteigerfreundliche und spannende Geschichte erzählen.

Twitterlyrik_3

Twitterlyrik_4

Share

log in / locked out – Visualisierung der Surfgewohnheit

Donnerstag, 25. Juni 2009

Eine sehr interessantes Projekt des Graphik-Designers Martin Sperling, das persönliche Surfgewohnheiten innerhalb einer künstlerischen Installation visualisiert. Auch ein Besuch dessen alter Website lohnt sich sehr.

LOG in // LOCKED out is a space installation elaborated during my diploma at the Muthesius Academy of Fine Arts 2008. It’s a self-experiment, in order to visualise leaving one’s mark on internet-surfing. An automatic process stored all personal Internet User-Data of one month during internet activity. Later on this data was printed on 15 meter long paper webs, freely suspended in space. The letters are x-rayed by beamer-light, searching for a personality and their behaviors.
www.vimeo.com/1658931

Share

Gute Sites

Mittwoch, 24. Juni 2009

gute_seiten

The Glue Society / Designer, Schriftsteller, Regisseure / Australien und USA

Der Titel ist eine Hommage an das Magazinprojekt Gute Seiten.  Eine unabhängige Initiative, die Magazine abseits des Mainstreammagazinmarktes vorstellt, die ihrerseits ehrlich, mutig und künstlerisch anspruchsvoll Raum für völlig neue Konzepte und Ideen bieten:

The problem is not the print media, the problem is the manipulative, corrupt and dumb mainstream media industry.

Mein Liebling war bisher das Stickermagazin Klebstoff (der Name ist Programm, es besteht tatsächlich nur aus Aufklebern).

Gute Seiten können aber auch Websites sein, und da ich in letzter Zeit immer wieder über einige solcher gestolpert bin, habe ich eine Top 10 meiner momentanen Lieblinge zusammengestellt (keine Hierarchisierung untereinander). Der Großteil der Websites stammt von Kreativen, Künstlern, Designern, Illustratoren und Filmleuten und hat einen extremen visuellen Mehrwert. Da macht es auch einfach mal Spaß, die Sites zu erkunden und deren Potential auszuloten. Außerdem erkennt man dann mal, was alles möglich ist und wie weit man sich in der Sitegestaltung ausleben kann. Wie so viele meiner frommen Wünsche im medialen Bereich, wünschte ich mir auch hier beim alltäglichen Surfen mehr davon.

gute_seiten-2

Grobgrafik / Design / Deutschland

gute_seiten-3

Summerfestival 2009 / Festivalsite / Belgien

ps1

lounge lizard / Agentursite / USA

ps2

Mary and Max / Filmsite / Australien

ps3

Alex Dukal / Illustration / Argentinien

ps4

Patrick Bizier / Illustration / Kanada

ps5

Eminem / Album-Promosite / USA

ps6

Tyler Caw / Design und Entwicklung / USA

ps7

Kevin Cornell / Design und Illustration / USA

Mehr Sites? – The Best Designs

Share

Eingraben?

Freitag, 19. Juni 2009

Ich halte es immer wieder für eine schöne und wertvolle Erfahrung, sich entspannt der Meditation vor einem Bild hinzugeben, zu sinnieren, im besten Fall sich darin aufzulösen. Ein geeignetes Bild zu diesem Zweck, scheint mir das von Nicolai Lorenzen zu sein. Der hat die Installation von Jonathan Kneebone anläßlich des Sculpture by the Sea-Festivals abgelichtet, die den treffenden Titel It wasn’t meant to end like this trägt. Es spiegelt wohl die momentane Stimmung sehr Vieler wider und wirkt (zumindest auf mich) erstaunlich unpretiös, ironisch und über sich selbst hinausweisend humorvoll.

******NICOLAILORENZEN.COM********

Share

Gemeinsam trauern wir um die Netzfreiheit

Donnerstag, 18. Juni 2009

gemeinsam_trauern_wir_um_die_netzfreiheitgemeinsam_trauern_wir_um_die_netzfreiheitHeute beschließt die Bundesregierung die Etablierung einer Zensurinfrastruktur in Deutschland (ich erwehre mich der offiziellen Betitelung “Bekämpfung der Kinderpornographie in Kommunikationsnetzen”). Was die Politik hierzulande in den letzten Monaten dargeboten hat, ist mehr als nur ein schlichtes Trauerspiel. Es wurde auf eindrückliche und sehr beängstigende Weise deutlich gemacht, dass die demokratischen Entscheidungsstellvertreter lediglich Vertreter eigener Interessen und nicht im Mindesten an der politischen Partizipation der Bevölkerung interessiert sind. Die Meinung der 130.000 Petitionsunterzeichner wurde nicht ernstgenommen, ebensowenig wie die manigfachen Expertenwarnungen. Auch die Zer- und Widerlegung nahezu aller Argumente, ob nun statistische, technische oder moralische, die in aller Deutlichkeit das fadenscheinige Vorgehen der Regierung offenbarten, wurde lächelnd missachtet und mit einem leeren Formakt abgetan. Selbst als sich bereits im Vorfeld die dunkelsten Ahnungen der Ausweitung von Zensur weg von Kinderpornographie hin zu anderen Inhalten durch die Ankündigungen von diversen Copyrightlobbyisten, selbsternannten Moralhütern und Kirchenvolk bestätigten, ließ man es mit der Benennung dieser Personen und deren selbstgerechten Motiven als Einzelfallmeinungen bewenden. Immerhin, das Ganze nennt sich jetzt “Spezialgesetz”, ein fünfköpfiges Gremium, dem mindestens drei zum Richteramt Befähigten angehören sollen (tolle Formulierung) und die Beschwichtigung, zufällig auf von Stoppschildern gezierten Seiten Landende werden nicht strafverfolgt, geht als einer der faulsten Kompromisse in die Geschichte deutscher Gesetzgebung ein. Wer den traurigen Anlass nutzen möchte, um sich eine informative Grundlage jenseits polemischer Politkampagnen zu schaffen, empfehle ich die Artikel hier, hier und hier. Auch der folgende Beitrag von Zapp ist zu empfehlen, der die Thematik noch einmal gut aufgearbeitet (ingnoriert man mal die für ein Fernsehmagazin typisch reißerische Einleitung) zusammenfasst.


Die Frage, die nun bleibt, ist: Was tun? Wie können die Mitglieder der Netzgemeinde und harmlose Surfer sich effektiv schützen? Dieser Frage werde ich im Gespräch mit befreundeten Programmierern in nächster Zeit nachgehen, um über sinnvolle Schutzmaßnahmen vor “Denen” zu berichten, die uns schützen wollen. Die Regierungsargumentation würde mich somit schon in das Lager der Straftäter oder Straftaten Fördernden bannen. Verbriefte Freiheitsrechte innerhalb einer funktionierenden Demokratie sind eine schöne Sache, haben allerdings keinen Nutzen, wenn diese zum reinen Formalakt verkommen. Wer wundert sich da noch über Politikverdrossenheit und steigende Zahlen an Nichtwählern?

Jeder muss für sich selbst den Umgang mit einem Medium definieren, welchen Konditionen er sich untertänig machen möchte, welchen nicht. Ich für meinen Teil werde ohne gut funktionierenden Proxy gar nicht mehr im Netz unterwegs sein. Wieder einmal ist die außerparlamentarische Opposition gefragt, wie heute, im Zuge der Mahnwache gegen Internetzensur am Brandenburger Tor in Berlin.

gemeinsam_trauern_wir_um_die_netzfreiheit-2

Share