Grenzerfahrung

grenzerfahrung

Frontiers, ein Projekt der österreichischen KünstlerInnengruppe gold extra, die Arbeiten zeitgenössischer Kunst initiieren, kuratieren und produzieren, ist ein kostenloses online multiplayer game der ganz anderen Art. Hier wird man in die Rolle eines Flüchtlings versetzt, der versucht, in die Festung Europa einzudringen. Startpunkt ist entweder das im Süden Algeriens gelegene Hoggargebirge an der Grenze zu Spanien oder der Nordirak an der Grenze zur Türkei. Von da an geht es schlecht ausgerüstet durch unwegsames Gelände, dichte, unbekannte Wildnis voller Gefahren, immer auf der Flucht und steter Begleiter ist die Angst, aufgefasst und zurückgeschickt zu werden. Dann wird man nämlich 600 Kilometer weit von der nächsten Grenze allein in der Sahara ausgesetzt, von wo aus das Spiel erneut startet. Die Aufgabe, oder das Ziel, ist nur durch Zusammenarbeit der Gruppe von Flüchtigen und unkonventionelle Einfälle zu lösen.


Das Spiel bietet eine doppelte Subversion. Inhaltlich befindet man sich in der Rolle des Opfers, nicht des schwerbewaffneten Einzelkämpfers / Agenten / Abenteurers, dem es um die herkömmlichen Ziele geht, wie der Sieg über das Böse, Eroberung, Orden oder die Befreiung der geraubten Herzensdame, sondern schlicht um sein nacktes Überleben und das unbemerkte Betreten des europäischen Festlands um eines besseren (oder überhaupt die Möglichkeit des) Lebens willen. Formal baut das Spiel auf der Egoperspektive gängiger Egoshooter auf (das Spiel basiert auf der Half-Life 2 Engine, handelt sich also um einen Mod) und verkehrt, wie schon auf inhaltlicher Ebene beschrieben, das Spielprinzip ins genaue Gegenteil. Wo man die gängige Shooterästhetik sonst nur aus der Perspektive des Jägers bzw. Tötenden (der mitunter zwar auch der Gejagte ist, aber stets wehrhaft) kennt, werden hier die eingeübten Perzeptionen und formalästhetischen Muster beibehalten und neu konnotiert. Persönlich halte ich dies für einen hervorragenden Akt der Subversion und zudem eine hochintelligente Antwort auf die momentan wieder aufgeflammte Diskussion (Polemik) bzgl. sog. Killerspiele oder Medien gewaltverherrlichenden Inhalts oder wie das Genre sonst gerade in der Presse benannt wird.

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