Eine Frage der Netiquette

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Die Politik ist im Web 2.0 angekommen. Zumindest dieser Umstand läßt sich zunächst völlig wertfrei konstatieren. Nahezu jede Partei hat mittlerweile eine eigene Website, ein Großteil, der sich zu diversen Wahlen stellenden Politiker haben ebenfalls einen persönlichen Internetauftritt (teils reine Präsenzseite, teils mit Partizipationsmöglichkeiten) und manch einer bedient sich auch sozialer Netzwerke. Besonders für die anstehende Europawahl wird im Internet die Werbetrommel geschlagen. Echte Partizipation kommt allerdings von “unten” aus der Mitte der Wählerschaft. Das Thema Internetsperren hat die sonst sehr ausdifferenzierte Blogosphäre hinter dem Banner des Widerstands geeint und plötzlich wurde deutlich, welch nicht zu ignorierender Machtfaktor das Medium Internet als demokratisches Mittel darstellt. Normalerweise sind die Möglichkeiten, aktiv an unserer Demokratie mitzuwirken, doch arg beschränkt; hier und da ein Kreuzchen auf einem Wahlzettel, mal eine relativ unwichtige plebiszitäre Entscheidungsmöglichkeit und der altehrwürdige Demonstrationszug. Für die direkte Meinungsäußerung und Unmutsbekundung gab es für das Gros der Masse in Präinternetzeiten kein echtes Forum. Mal ein lauer Leserbrief in einer der größeren Zeitungen, redigiert und beschönt durch die selbstzensierenden Wächter der öffentlichen Meinung und hier und da eine größere Tagung. Das wars dann aber auch schon. Im Internet werden nun Kräfte frei und gebündelt, in denen es durchaus zu Dynamiken der Vermassung kommen kann, demokratische Kräfte, die seitens der Politik nicht zu ignorieren sind. Und eben diese Kräfte, die hier frei werden und wirken, sind für die Politik offenbar etwas vollkommen Neues. Denn auch wenn eben jene von der Werbewirksamkeit des Internets mittlerweile überzeugt zu sein scheint, wird das Medium, welches die Meinungsäußerung in einer solchen Form ermöglicht, nicht wirklich ernst genommen. Für die Politik scheint dieses immer noch unter den alten Konditionen zu funktionieren: Agitation und Ende. Das es hier aber besonders um die Interaktion, also maßgeblich um eine Reaktion und einen gepflegten Austausch bzw. Umgang geht, scheint noch nicht bis in den Bundestag durchgedrungen zu sein. Das ist sehr klar an dem äußerst negativen Statement des Wirtschaftsministers Karl-Theodor zu Guttenberg abzulesen:

Es macht mich schon sehr betroffen, wenn pauschal der Eindruck entstehen sollte, dass es Menschen gibt, die sich gegen die Sperrung von kinderpornografischen Inhalten sträuben.

Das war ein Schlag in das Gesicht von ca. 70.000 Petitionsmitzeichnern und Wählern. Zum einen wird hier deutlich, dass sich Herr Guttenberg nicht die Mühe machte, auch nur einmal in den Petitionstext und die damit verbundene Forderung zu schauen, der nun ganz deutlich besagt, dass die Wichtigkeit, die perversen Umtriebe einiger Weniger zu bekämpfen, völlig außer Frage steht, nur die Wahl der Mittel zu diesem Kampfe noch einmal zu diskutieren sei. Mit diesem einen Satz stellte also ein Politiker nicht nur klar, dass selbigen die Petition nicht im Mindesten interessiere, sondern auch 70.000 Wähler unter den Generalverdacht, Straftaten an Minderjährigen indirekt durch die Mitzeichnung zu unterstützen. In keinem sozialen Netzwerk, auf keinem Blog, in keinem Chatroom oder einer Community darf man den Teilnehmern vermitteln, dass sie nicht ernst genommen werden und schon gar nicht darf man diese beleidigen oder gar zu Unrecht anklagen, dann ist man sie nämlich ganz schnell los. Und eben diese Verhaltensregeln im Netz, die man so einfach unter Netiquette zusammenfasst, hat den Politikern wohl noch niemand so richtig nahegebracht. Keine Firma, kein Kundeservice, keine öffentliche Einrichtung dürfte sich ein derartiges Verhalten gegenüber seinen Kunden leisten. Und ein Politiker schon gar nicht.

tm

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