Sterben im Web 2.0
Gestorben wird immer. Und daher ist das Geschäft mit dem Tod auch mindestens so ertragreich wie jenes mit der ältesten Dienstleistung der Welt. Nach dem Hinweis einer Freundin und nachfolgender Suche, bin ich auf eine Unmenge an Internetangeboten für Hinterbliebene gestoßen. Warum auch nicht? Der Tod als Phänomen beschäftigt uns nun mal seit Menschengedenken, hielt Herscharen von Künstlern und Philosophen bei der kreativen oder gedanklichen Stange, und die Ausdehnung des Verarbeitungsprozesses auf das Web 2.0 ist daher auch nichts anderes als ein logischer Folgeschluss.
Neben virtuellen Friedhöfen, auf denen man einen “unvergänglichen Grabstein” (unvergänglich, bis die Seite abgeschaltet wird) für die Verstorbenen anlegen kann, Abschiedsbriefdiensten, auf denen noch zu Lebzeiten für den “Fall der Fälle” Briefstücke gespeichert werden können, die den Hinterbliebenen dann zugesendet werden, Totenbrettern und Internetfriedhöfen, die so hässlich gestaltet und werbeverkleistert sind, dass man wiederum schon zu Lebzeiten Angst haben muss, darauf zu landen, gibt es jetzt noch einen neuen Dienst: Das Erinnerungsportal.
Erdacht von Martin Kunz und Anton Stuckenberger, soll es hier jedem ermöglicht werden, eine Gedenkseite für Freunde und Verwandte zu erstellen. Das Besondere: Die einzelnen Seiten sind multimediafähig, sprich es können neben Bildern auch audiovisuelle Inhalte eingebunden werden. Dem Besucher wird die Möglichkeit geboten, Kerzen anzuzünden und eine sieben Tage währende Botschaft zu hinterlassen. So soll “das neue Portal so freundlich und einladend sein, wie der Besuch eines schönen Friedhofs”. Außerdem sollen die jeweiligen Memorials (so werden die einzelnen Seiten allgemein im Internetgräberjargon genannt) den mitunter weit verzweigten Hinterbliebenen als Kommunikationsfokus dienen und vielleicht sogar noch die eine oder andere zerstrittene Familie am Pixelgrab wieder einen. Die Verantwortlichen betonen ihrerseits die Dringlichkeit eines pietätvoll gestalteten Internetfriedhofs. Bleibt nur zu fragen, wie lange hier die Pietät gewahrt bleibt, wenn die Gräber erst einmal gemächlich im Schatten der Werbung ruhen. Denn letzten Endes geht es auch hier nicht um seelische Fürsorge und Gutmenschentum, sondern um eine, dem Diktum der Rentabilität untergeordnete, Geschäftsidee. Bis jetzt sind lediglich Prominentenmemorials ausgestellt, die das Portal an Stelle von Privatpersonen zieren. Für mich wirkt das Ganze momentan eher wie eine Mischung aus Die Bunte und studiVZ – nur für Tote.
Und hier noch ein Dienst, der sich auf das Verwalten von Passwörtern Verstorbener spezialisiert hat sowie eine kurze Meldung über den ersten digitalen Grabstein Deutschlands (der welterste soll in den Niederlanden stehen; auf einem Tierfriedhof…).
tm
Schlagworte: Digitalgrabstein, Internetfriedhof, Memorials, Passwörter




