Nachrichtenwunderland

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Wir sind schon eine Kultur, die sich selbst beglückt!

Während unsere an ausgeprägter Profilneurose leidende Familienministerin eine entscheidende Schlacht auf ihrem Feldzug gegen die Kinderpornographie siegreich geschlagen hat (ganz Internet-Deutschland wird jetzt mit Stopschildern zugepflastert), sind vier Betreiber von Pirate Bay zu einer Haftstrafe von einem Jahr und knapp drei Millionen Euro Geldbuße verurteilt worden (legen Berufung ein) und die Tagesschau titelt zum dreißigsten Jubiläum der taz: “Die Kunst des Überlebens”.

Soviel zu den heutigen Schlagzeilen. Für mich nimmt sich das Ganze in etwa so aus:

Wie schon die Weisen des Chaos Computer Clubs bemerkten, die Sperrungen sind vollkommen sinnlos. Darum geht es aber auch nicht. Es geht prinzipiell um die Möglichkeit zu sperren, womit wieder einmal ein Stück unserer Freiheit auf dem eingeschlagenen Weg staatlicher Zensur zu nichte gemacht wird. Nur um den reizbaren Moralwächtern Einhalt zu gebieten: Ich bin ein entschiedener Gegener der Kinderpornographie! Aber ich bin ein ebenso entschiedener Gegner blinden, politischen Aktionismus, der sich in der Verwendung ominöser, untransparenter Sperrlisten ergeht, auf denen auch alle möglichen anderen Websites landen können.

Die Verurteilung der Jungs von Pirate Bay hingegen dient lediglich dazu, ein Exempel zu statuieren, um ein überkommenes, jedoch für das System der Kunstökonomieimperien unerlässliches, Copyright-Prinzip zu festigen, und sinnvollen wie neuen Distributionsmöglichkeiten in der altbekannten Drei-Affen-Manier zu begegnen – ein Muster, von dem sich auch das deutsche Verlagswesen nicht ausnehmen kann. Aber das ist eine andere Geschichte.

Und zuletzt: Die taz wird dreißig – herzlichen Glückwunsch an dieser Stelle! Etwas befremdlich im Beitrag der Tagesschau wirkt jedoch die Betitelung: “Die Kunst des Überlebens”. Der völlig unreflektierte Sprachgebrauch der deutschen Nachrichtenmagazine, besonders wenn diese in machiavellistische bis nazistische Phrasendrescherei abgleiten, ist manchmal schon traurig bis dummdreist populistisch. Dann aber noch mit ansehen zu müssen, wie eine Redakteurin der taz im lustigen Tagesschauvideo (das soll ein Reportage sein?) gleichzeitig mit heroischem Glanz in den Augen ihrer Zeitung den Fahneneid leistet, die großen Tugenden der taz beschwört (links / radikal / investigativ) und anschließend der radikal-investigative Aufmacher präsentiert wird: “Einweg, Mehrweg, alles Flaschen?” Wahnsinn, im wahrsten Sinne des Wortes. Wenn das das Aushängeschild für radikal-(links)-investigativen Journalismus in Deutschland ist, über den Mehrwegflaschenstreit an Stelle der Steuererhöhung zu berichten, ist die vollkommene Gleichschaltung erreicht, die Opposition tot und die linke Gefahr endlich beseitigt (hierzu empfehle ich diese Lektüre).

Ich verbleibe mit zynisch, resignativen Gedanken, die sich höchstwahrscheinlich als ungebetener Gast das Wochenende hindurch bei mir einnisten werden.

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