Eine kleine Lesereise

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Momentan beschäftige ich mich mit dem Buch The Cult of the Amateur von Andrew Keen. Da ich mir dieses kleine Pamphlet in noch kleineren Happen zu Gemüte führe, habe ich nun beschlossen, an Stelle einer komplexen Rezension nach abgeschlossener Lektüre, von selbiger auch in Happen zu berichten. Ich beginne mit Informationen zum Autor. Wer noch nie von Andrew Keen gehört hat, dem sei dessen Selbstdarstellung zu empfehlen. Da ich mich einer übertriebenen Beeinflussung des Lesers durch meine persönliche Meinung über den Autor zunächst enthalten möchte, und Keen seine Rezepienten ohnehin am Besten gegen sich selbst aufbringen kann, hier ein visueller Einstieg:


Ich werde mich im Folgenden an meine Notizen halten, die ich im Zuge meiner Lektüre anfertige, um auf die schönsten Stellen, die herrlichsten Spitzen und die unendlichen gedanklichen Räume der Keen’schen Perspektive hinweisen zu können; eben um das Gelesene erlebbar zu machen, ohne das meine Leser, also Sie, sich mit dieser Lektüre abgeben müssen. Keine Sorge, ich werde ganz und gar nicht objektiv sein. Zumal sich das bei einem Werk derart populistisch-plakativer Machart gar nicht lohnt. Aber ich möchte hier auch nichts verteufeln, ganz im Gegenteil. Da ich nunmal während des Lesens schon rezensiere, sprich eine Rezension-In-Progress verfasse, werde ich mich auch davor hüten, meine Meinung vor Abschluss der Lektüre zu zementieren. Ich werde auch wild hin und her springen, Linearität aus meiner Darstellung der Gedanken Keen’s verbannen und mich während der Interpretation ganz meinen Launen hingeben. Darüber hinaus verfolgt mich auch noch die dunkle Vorahnung, dass die bisherige Rezeption des Buches auf das von Keen etablierte schwarz-weiss-Denken vollkommen hereinfällt. Auch dem möchte ich mich verwähren. Besonders da Keen sehr humorvoll schreibt und jener die Distribution des Buches genau durch dessen pamphletischen Charakter anheizen wollte – was ihm im Übrigen auch gelungen ist. Aber davon später mehr.

Nun aber medias in res. Von diesem Herrn und seiner ‘kontroversen Sichtweise’ auf das www habe ich durch einen sehr knappen Artikel in der c’t erfahren. Und da ich es berufsbedingt sonst eher mit Literatur à la Das-Web-ist-phantastisch-und-bietet-unendliche-viele-Möglichkeiten-für-alles-und-jeden zu tun bekomme, war mein Interesse sofort geweckt. Keen geht von T.H. Huxley’s infinite monkey theorem aus, dass besagt, wenn man einen Affen an eine Schreibmaschine setze, würde irgendwann ein literarisches Meisterwerk dabei herauskommen – Ganz schön clever, was?

Die Affen nun, das sind wir – die User im Web 2.0, wie Keen selbst schreibt:

Durch die Technologie von heute bekommen all die Affen aus Huxley’s Szenario tatsächlich Schreibmaschinen, nur dass es sich in unserer Web-2.0-Welt nicht mehr um Schreibmaschinen, sondern um vernetzte Personal Computer und nicht mehr um Affen, sondern Internetnutzer handelt.”

Doch diesen unterstellt Keen auch nicht mehr Talent in der Produktion von Inhalten als “unseren äffischen Verwandten“, die einen “endlosen digitalen Dschungel der Mittelmäßigkeit produzieren“. Das ist doch mal etwas! Hier nochmal diese hochkomplexe These vereinfacht dargestellt: Sie (die Leserschaft) = Affen; Ich (der Blogautor) = ebenfalls ein Affe; Wir (die Web2.0Gemeinde) = gaaaanz viele Affen. Verstanden? Gut! Was mich nun besonders fasziniert, ist die Tatsache, dass Keen die Produktion eigener Inhalte und deren Distribution im Netz als Untergang der Kultur begreift, an dem wir (die Affen) alle fleißig mitarbeiten. Der elitären Haltung des Keen’schen Gedankenkosmos verdankt der geneigte Leser die Behauptung, dass unsere Kultur untergeht, da unprofessionelle, unzureichend ausgeblidete Menschen es wagen, Keen’s Kunstauffassung mit ihren in Eigenregie produzierten Beiträgen zu torpedieren und den Ästheten um den Schlaf zu bringen. Der Autor erinnert mich in diesem Zusammenhang an einen anderen Autoren, der einmal schrieb (Vorsicht, jetzt kommt eine Paraphrase): Wenn ein jeder Lesen und Schreiben lernt, verdirbt das auf Dauer nicht nur das Schreiben, sondern auch das Denken – Vollkommen richtig, möchte ich meinen. Hätte Andrew Keen niemals das Schreiben erlernt, müsste ich sein Buch jetzt nicht lesen und mir die Augen daran verderben. Aber so ist es nun einmal, da lässt sich nichts machen, hast du Scheiße am Schuh, hast du Scheiße am Schuh! An einer anderen Stelle schreibt Keen:

Ohne Begabtenförderung wird es tatsächlich keine Hits mehr geben, dann verkümmern nämlich die Talente [...] und können ihren Glanz nie entfallten“.

Also, nochmal für uns Affen: Inhalte von Profis = gut für die Welt; Inhalte von Laien = schlecht für die Welt. Dem möchte ich ein gerade gefundenes Werbevideo entgegenhalten. Das Video zeigt eines der bekanntesten und weltweit gefeierten, ehemaligen Talente unserer Kultur, welches, Gott sei es gedankt, ausreichend gefördert wurde, damit es höchst professionell sehr viel Geld für einen der schlechtesten Werbespots überhaupt kassieren konnte.


Soviel für heute. Ich möchte Ihre und meine affenartige Auffassungsgabe schließlich nicht überstrapazieren. Außerdem habe ich ein seltsam starkes Verlangen nach Bananen. Aber freuen Sie sich mit mir auf neue Stilblüten dieses wunderbaren Autors, dessen literarische Meisterschaft nur noch als keenesque (Wird das so geschrieben? Seit dem ich mich als Blogautor betätige, musste meine gesamte, hart erworbene und überaus professionelle Ausbildung zum Literaturwissenschaftler meinen archaischen Instinkten weichen) bezeichnet werden kann.

tm

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